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Gerechtigkeit und Friede!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Väter und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Zunächst einmal möchte ich der gottesdienstlichen Gemeinde hier in der Emmausgemeinde ein Kompliment machen. Habe ich doch die Predigten hier von dieser Stelle der letzten acht Jahre nochmals überflogen. Das Fazit: Wir haben uns fast allen relevanten und Leben und Tod betreffenden Themen gestellt. Wir haben zusammen in den theologischen und säkularen Wissenschaften gewühlt und sind an die Grenzen der Erkenntnis und des Erkenn- und Erklärbaren gegangen.

Mutig stellten wir uns den Themen Freiheit, Wut, Schmerz, Unglück und Tod oder wir ließen uns trösten von der Liebe Gottes, der Quelle allen Lebens, in den Themen Angst, Mut, Zuversicht und Hoffnung.

Kaum eine Wissenschaft haben wir zur Erklärung der einzelnen Themen ausgelassen. Mir glühte manchmal der Kopf bei der Predigtvorbereitung. Doch wurde ich belohnt für alle Mühe, weil Sie/Ihr danach nachdenklich oder lachend eurem Pfarrer im Gottesdienst bei seinen steilen Ausführungen lauschten.

Immer wieder versuchte ich in den Gesichtern und in Eurer Haltung zu lesen und hatte oft den Eindruck, dass aus der Predigt eines Einzelnen, unsere gemeinsame Predigt, unser gemeinsames Ringen, um das, was die Welt im Innersten zusammenhält, wurde.

Nur einmal legte ich anscheinend eine glatte Bauchlandung hin. Thema war: Der Heilige Geist! und die Trinität, die Dreieinigkeit Gottes. Am Ende des Gottesdienstes an der Tür kam ein Herr auf mich zu, schaute mich kurz an - ob ich das folgende ohne zusammenzubrechen auch ertragen könnte - und sagte: "Ich erkenne Ihre Bemühungen an, Herr Pfarrer, aber ich habe zum Thema 'Heiligen Geist' noch immer nichts, auch gar nichts verstanden."

Mir fiel dann sofort der leicht abgewandelte Satz eines Philosophen ein: "Bei dem, über das man nicht reden kann, sollten man lieber schweigen." Den Heiligen Geist habe ich dann meinen fähigen Prädikanten und dem Lektor überlassen.

Dafür stürzte ich mich leidenschaftlich auf zwei große Themenfelder des christlichen Glaubens. Meine hier gelehrten Theologinnen und Theologen mögen einwerfen zwei? Warum nur zwei? Naja, ich hatte da so ein Erlebnis damals in Mombasa, im tropischen Ostteil Afrikas.

 

Unsere Hunde mussten regelmäßig alle 14 Tage zum Tierarzt, weil sie permanent unter den Klein- und Kleinstviehzeug des tropischen Klimas litten. Der Herr Tierarzt war Pakistani und ein strenger Muslim. Als er erfuhr, dass ich zu den christlichen "missionaries" gehörte, verwickelte er mich immer wieder in religiöse Streitgespräche. Einmal formulierte er ein Fazit, dass mich sehr, sehr nachdenklich zurückließ. Er sagte: Auf alle Fälle merke ich bei der Diskussion mit dir, Islam is a straight forward religion! Der Islam ist eine klar zu beschreibende, klar verständliche Religion".

Ich dachte daran, wie unmöglich es war ihm die Dreieinigkeit näher zu bringen, oder wie aussichtslos es blieb, ihn in die Geheimnisse des bayerisch-lutherischen Verständnisses des Abendmahls einzuweihen. Nein, "straight forward" ist die christliche Lehre nicht. So machte ich mich auf die Suche nach einer Zusammenfassung, nach einer Generalisierung nach einem Slogan, einem Stichwort, kurz nach einer Möglichkeit, die Botschaft vom Evangelium eben wenigstens etwas "straight forward" erzählen zu können.

Ich stieß auf Römer 14,17: "Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Friede!" Ja, das war's. Gerechtigkeit als Verwirklichung der Philosophie des Schalom, des Ausgleichs und der Balance:

In uns ganz persönlich, den Schalom zu suchen und immer wieder zu finden. Den Ausgleich zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Aktion und Pause, zwischen Lachen und Weinen, zwischen Tränen und Jauchzen.

Das geht weiter zu dem anderen Menschen um uns herum. Auch da ist Gerechtigkeit zu suchen und zu finden im Ausgleich des Aufeinander-zu-Gehens und des Rückzugs ins eigene persönliche, der Hilfe an andere leisten und selbst Hilfe entgegen nehmen, des Streites und der Versöhnung, des Gebens und Nehmens.

Das geht bis in die Politik, wo wir uns von unseren so genannten Volksvertretern nicht nur wünschen, immer neue Gesetzte zu schmieden oder umzuschmieden, sondern auch an die Gerechtigkeit zu denken, die hinter jedem Gesetz stehen sollte. Die Gerechtigkeit zwischen arm und reich, die Gerechtigkeit, der Schalom zwischen denen, die weniger leisten können und denen, die alles schaffen. Die Balance zwischen den Interessen der Industrie, der Natur und der Umwelt. Der Ausgleich zwischen den Sachzwängen und dem Menschlichen, Unzulänglichen. Dem Schalom zwischen dem Geldwert und dem Wert jedes einzelnen Menschen als Kind Gottes, als erwachsene Tochter und Sohn Gottes.

Das ist und bleibt meine Botschaft an Euch: Wenn einer oder eine euch fragt: "Wofür steht das Christentum?", dann antwortet klar und deutlich: für Gerechtigkeit und Friede. Wie hat Paulus gesagt: "Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Friede."

Der andere Satz, der mich auf der Suche nach einem Christentum, führte kommt aus dem 1. Johannesbrief, Kapitel 3, Vers 16: "Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm!"

Das Wort Gerechtigkeit wurde ja im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder auf Fahnen und Banner geschrieben. Leider auch auf die Fahnen von Kriegsgerät und Konzentrationslagern. Die Kreuzzüge der falsch verstanden und bewusst verdrehten Gerechtigkeit gingen über Leichenberge. Es braucht ein Korrektiv, damit der Mensch nicht mit Macht und Gewalt versuche ein Paradies auf Erden zu erzwingen.

Es braucht zu allem die Liebe. Wie schreibt Paulus wieder: "Man kann sich auf jede Sprache verstehen. Ohne Liebe bleibt es leeres Getön. Man kann die Verhältnisse durchschauen, kann die Folgen absehen, kann sehr fromm sein - ohne Liebe nutzt das nichts. Man kann hergeben, was man hat, zuletzt sich selbst. Ohne Liebe wird dadurch nichts besser!"

Auch das beste Wahlprogramm der rauschenste Wahlsieg, die höchste Popularität, die besten Umfrageergebnisse, das höchst Ansehen im In- und Ausland - sie sind alle nichts, wenn dieser Mensch keine Liebe zu sich selbst, zu seinen Nächsten, zu seinem schweren Job und zu allen Mitbürgerinnen und Mitbürger hat.

Liebe, das ist diese großartige Möglichkeit, eine Fünf gerade sein zu lassen. Liebe ist das herzerfrischende Können, über Recht und Gerechtigkeit, einem oder einer anderen die Hand zu reichen. Liebe ist das Wundermittel, das den gordischen Knoten in der verfahrensten Situation in nichts auflösen kann. Liebe ist die wunderbare Fähigkeit, die Welt auch einmal mit dem Blick des anderen zu sehen. Liebe ist das Lachen der Kinder trotz Schuldruck. Liebe ist die Hand auf meiner Schulter, die mir wieder Mut gibt. Liebe ist der Sieg über die Angst, auch über die Angst vor dem Ende unseres Daseins.

Also, wenn gefragt, warum noch Christ, dann die Antwort kurz und prägnant: "Weil ich auf Gerechtigkeit und Liebe stehe, in mir, in anderen, in der Welt." "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm".

Amen! Und Auf Wiedersehen!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!

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