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Karfreitag 2013

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unseren Herrn, Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Die Weihnachtsgeschichte ist schöner. Sie liest sich leichter, als der Text von der Kreuzigung des Jesus von Nazareth. Es ist schwer zu ertragen, dass da einer ohne wirkliche - von uns zumindest einsehbare, verstehbare Schuld verurteilt wird und dann an den Galgen gehängt wird, um stundenlang auf den Tod hin zu leiden. Vom Verstand her gibt das keinen Sinn.

Warum musste das passieren, dass da ein junger Mann so elend gemartert ums Leben kommt. Die paar Tische, die er da im Tempel umgestoßen hat, das war doch noch lange kein Aufstand, oder eine Revolution, das war Protest, sicherlich ungewöhnlich heftig. Aber dafür musste man ihn doch nicht umbringen.

Oder die Streitigkeiten, die er mit den Gelehrten, den Theologen und ehrenwerten frommen Männern damals hatte. Da ging's doch um Meinungen und Ansichten. Seine Gedanken und Vorstellungen mögen ja - für damalige Verhältnisse - extrem gewesen sein. Aber reichte das wirklich, um zum Tode verurteilt zu werden?

Die paar Fischer und Frauen, die da mit ihm zogen - sie waren keine politische Bedrohung für die römische Besatzungsmacht. Das hat, so glaube ich, auch der Pilatus erkannt. Deshalb ist er nicht hingerichtet worden.

Bleibt der Vorwurf gegen ihn, dass er sich als Sohn Gottes bezeichnete. Aber, sind wir nicht alle Kinder Gottes, wir Menschen? Was war denn da so schlimm dran, Gottes Sohn zu sein. Wenn es einem gar nicht gepasst haben sollte, dann hätte man Jesus doch einfach für verrückt erklären können. Man hätte ihn in Gewahrsam nehmen können und zurück nach Galiläa bringen, meinetwegen ihn noch unter Hausarrest stellen. Das wär's aber dann doch gewesen. Aber ihn so grausam umbringen, warum?

EG 85, 1-3

    1.  O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

    2.  Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht'?

    3.  Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht
ist hin und ganz vergangen; des blassen Todes Macht
hat alles hingenommen, hat alles hingerafft,
und daher bist du kommen von deines Leibes.

Saidi ist ein junger Mann aus Sierra Leone. Seine Familie hat alles getan, damit er, der intelligente Sohn, die Schulen bis zur Universitätsreife abschließen konnte. Er studierte Wirtschaftswissenschaften. Er wollte Unternehmer werden. Er schloss sein Studium hervorragend ab. Dann begann die Jobsuche. In seinem Land eine mühsame Angelegenheit. Er bekam Gelegenheitsarbeiten. Nie eine feste Anstellung. Er heiratete und wurde Vater von zwei Kindern. So sehr er sich auch bemühte, sein Leben blieb armselig. Es reichte zum Essen und zu einem Zimmer in der Stadt, aber das war's. Er träumte von einem Haus, von einem Motorrad, von üppigen Familienfesten. Seine Familie - die zeigte ihre Enttäuschung. Klar, man hatte so viel Geld in ihn investiert für seine Ausbildung und jetzt kommt nichts dabei heraus. Im Gegenteil, immer wieder muss Saidi und seine Familie unterstützt werden, damit sie genug zum Essen hatten. Saidi schämt sich, sehr.

Da kommt das wunderbare Angebot. Er lernt auf der Straße nach einer Jobsuche einen Herrn kennen, der ihn von der Möglichkeit in Europa zu arbeiten informiert. Für eine bestimmte Summe könnte er mit dem Schiff nach Europa gebracht werden - illegal natürlich. Saidi versteht das sofort. Der Herr schildert Europa in den buntesten Farben und beschreibt die Möglichkeiten für Saidi dort zu Wohlstand und Ansehen zu kommen. Große Schecks an die Familie, um sich für seine Ausbildung zu bedanken, könnten schon nach einem Jahr möglich sein.

Saidi's Herz glüht. Er ist schnell überzeugt. Er treibt das Geld für die Überfahrt auf. Er erzählt niemanden von seiner bevorstehenden Schiffsreise. Er wird sich dann stolz aus Europa melden. Er bekommt den Abfahrtstermin und den Treffpunkt zügig mitgeteilt. Saidi hält das fälschlicherweise für einen Beweis, dass er mit Profis unterwegs sein wird.

Das Schiff, so stellt sich dann allerdings heraus, ist ein Boot. Viel zu viele steigen in das Boot ein; viel zu viele verzweifelte Menschen. Leichte Bedenken beschleichen Saidi. Aber er kann und will nicht zurück. Der Motor wird angelassen die Reise nach Europa geht los. Für drei Tage haben sie sich alle eingerichtet mit Essen und Wasser. Drei Tage in der prallen Sonne Afrikas. Die Reise dauert bereits fünf Tage als der Sturm zuschlägt.

Das völlig überladenen Boot kann nicht lange den haushohen Wellen standhalten und sinkt. Die meisten Menschen sind stark geschwächt und ertrinken sofort. Saidi kann sich an einem Rest des Boots fest klammern. Er treibt noch ein paar Stunden, um sein Leben kämpfend, auf dem Ozean. Dann verlassen ihn die Kräfte und auch er ertrinkt. Das Boot hat niemand vermisst. Keiner hat nach seinen Insassen gesucht. Warum?

EG 85, 8

    8.  Ich danke dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund,
für deines Todes Schmerzen, da du's so gut gemeint.
Ach gib, dass ich mich halte zu dir und deiner Treu
und, wenn ich nun erkalte, in dir mein Ende sei.

Marijamu ist 14 Jahre alt. Es ist früh am Morgen. Marijamu macht sich fertig für die Schule. Ihr Bruder Salem ist auch schon auf den Beinen. Marijamu und Benjamin leben im sogenannten Nahen Osten. Sie frühstücken und schwatzen dabei über die Aktivitäten, die sie für das Wochenende geplant haben.

Marijamu stöhnt, dass Salem nur an sein Fußballspiel denkt und sonst nichts im Kopf hat. Aber so ist ihr Bruder. Sie selbst möchte gerne in der Stadt mit ihrer Freundin eine richtige Shoppingtour unternehmen. Marijamu lacht und wirft ihr schwarzes lockiges Haar hinter sich, denn es wird mehr mit den Augen eingekauft werden, als mit dem Geldbeutel. Marijamus Eltern sind nicht sehr vermögend. Aber Spaß wird es trotzdem machen und zu einem Eis, auf der Promenade wird es reichen.

Sie steht mit ihrem Bruder vom Frühstückstisch auf. Sie greifen nach ihren Schultaschen und verlassen das Haus. Den Weg zur Bushaltestelle laufen sie immer um die Wette. Salem gewinnt dabei immer und nennt danach seine Schwester eine lahme Ente. So ist er eben, der Bruder. Sie müssen nicht lange warten. Der Bus kommt. Sie steigen ein. Einige Schülerinnen und Schüler sitzen schon zusammen mit Erwachsenen, die zur Arbeit fahren, im Bus. Es wird gelacht und hie und da die Hausaufgaben ausgetauscht und verglichen. Das nahe Wochenende, die freie Zeit, sie lassen alle entspannt und froh gestimmt sein.

Der Bus hält noch an zwei Haltestellen. Leute steigen aus und zu. Marijamu achtet nicht darauf. Dann zündet die Bombe im Bus. An was sie sich noch erinnert ist der Knall und die Feuerwand, die auf sie zu rast. Salem ist sofort tot. Marijamu wird in das Hospital gebracht. Die Ärzte kämpfen verzweifelt um ihr Leben. Nach zwei Wochen müssen sie sehen, wie Marijamu stirbt. Warum?

EG 85, 9-10

    9.  Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

    10.Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod,
und laß mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Warum? Jesus ist den Weg ans Kreuz gegangen, damit kein junger Mann, keine junge Frau mehr ans Kreuz gehen muss, geopfert den Interessen von Politik, Wirtschaft oder Kirche. Jesus ist den Weg ans Kreuz gegangen, damit ab jetzt jeder sehen kann, wie unsinnig das ist, wenn Mensch den Menschen martert, quält und umbringt.

Es muss keiner und keine mehr sterben - was auch immer für politische Gründe dafür angegeben werden, was auch immer für rechtliche Beweise aufgeführt werden, was auch immer für wirtschaftliche Notwendigkeiten und Sachzwänge angeführt werden.

Nein, seit dem jungen Mann am Kreuz von Golgatha, haben die Opfer unter den Menschen ausgedient, es braucht sie nicht mehr, sie sind gestrichen.

Sein Schrei am Kreuz ist der Schrei aller gequälten Kreatur. Es ist der Todesschrei, der immer noch in dieser Welt geschrien wird. Saidi und Marijamu sind Beispiele dafür.

Aber es ist auch der Siegesschrei, denn nach dem ersten Karfreitag kann kein Mensch an diesem Jesus vorbei, kann keinem Menschen das Schicksal derer, die gequält werden und leiden egal sein.

Nach Karfreitag ist es klar, dass Jesu Konzept von Gerechtigkeit und Liebe die einzige Politik ist, die die Menschheit davor bewahrt an ihrer eigenen Grausamkeit und Ungerechtigkeit und Besessenheit zu Grunde zu gehen. Amen!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen!

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