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Die Jungfrau Maria

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unseren Herrn, Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

mit dem heutigen Predigttext aus dem Lukas Evangelium wird uns eine heikle Erzählung präsentiert. Beim oberflächlichen Lesen und Hören, erscheint vielleicht vor unserem geistigen Auge eine der anrührenden Vor- Weihnachtsgeschichten. Aber im Laufe der Historie, der Geschichte, der Kirchengeschichte hauptsächlich, hatten diese paar Zeilen aus dem Lukas Evangelium eine gewaltige Wirkung. Aus diesen paar Zeilen aus dem Lukas Evangelium über die Ankündigung der Geburt Jesu Christi, entwickelte sich ein Dogma, eine kirchliche Lehre, die die Christenheit bis heute tief spaltet. Aber lassen Sie uns zunächst diesen biblischen Text anhören. Ich lese aus dem Lukas Evangelium, dem 1. Kapitel, die Verse 26-38:

 

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?

Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

 

Wir Menschen hören heute diese Erzählung aus dem Lukas Evangelium sehr unterschiedlich. Für manche ist es halt ein Märchen. Es könnte auch so losgehen: "Es war einmal an einem schönen Sonnentag in Galiläa in der Stadt Nazareth." Dann wäre unsere Geschichte von der Ankündigung der Geburt Jesu nichts anderes als eine der biblischen Geschichten, die sich sehr schön anhören, aber halt erfunden sind und mit dem wahren Leben so gut wie gar nichts zu tun haben.

Manche machen sich einfach lustig über die Geschichte. Im aufgeklärten 21. Jahrhundert, in dem es keine Tabus mehr gibt, in denen Kinder im Labor gezeugt werden können, klingt diese Erzählung vielleicht wie ein Witz. "Na klar, eine Jungfrau, die schwanger wird - wenn das wahr sein soll, dann bin ich eindeutig der Nikolaus!"

Es gibt auch den strengen wissenschaftlichen Blick auf unserer Erzählung. Die Wissenschaft sagt: Zur Zeit Jesu herrschten die Religionen mit den vielen Göttern. Es gab den Zeus, den Göttervater. Es gab den Apollo, die Athene, den Poseidon und den Mars, die Venus usw. und so fort. Es gab Götter und Göttinnen für Wiesen und Wälder, für Arbeit und Kunst, für Wasser und Himmel. Es gab Tausende von Halbgöttern, wie zum Beispiel den berühmten starken Mann Herkules oder Herakles. Viele Götter und Halbgötter in der griechischen Mythologie sind durch Jungfrauengeburten auf diese Welt gekommen.

Im Alten Testament, dem ersten Teil der Bibel - so erklären die biblischen Forscher weiter - gab es wiederum eine berühmte Weissagung von der jungen Frau, die schwanger wird und die den Retter der Welt gebären würde. Die Wissenschaft sagt nun: Es ist ganz einfach, aus beiden Strängen, der Vorstellung von der griechisch römischen Götterwelt und der alttestamentlichen Prophezeiung wurde die Geschichte von der Jungfrau Maria zusammengemixt.

Für andere Menschen, sicherlich auch manche unter uns, ist die Jungfrau Maria Teil des Glaubensbekenntnisses. Es ist etwas, an das ich glauben muss, bei dem ich nicht zweifeln darf. Es ist etwas, was ich glauben kann und nicht verstehen muss. Es ist ein Geheimnis Gottes und kein Thema der Wissenschaft, sondern Inhalt meines ganz persönlichen Glaubens.

Maria, die Jungfrau, Maria, die Mutter Gottes, nimmt in der katholischen Kirche einen hohen Stellenwert ein. In jeder katholischen Kirche steht eine Marienstatue. Die vielen Kerzen, die oft vor ihrem Altar stehen, zeigen deutlich auf, dass sich viele Menschen bittend an die Maria wenden. Besonders Frauen mögen bei sich denken: "Sie ist hier eine von uns, sie kann uns verstehen, sie kann bei Gott für uns eintreten!"

Andere Frauen aus der feministischen Bewegung ärgern sich darüber, das Maria sich so klein macht und sich als Magd, als Sklavin selbst bezeichnet. Tatsächlich - so wird gesagt - hat diese Erzählung viel Leid angerichtet, weil sie das Ideal einer reinen, sauberen, unbefleckten Jungfrau anderen, menschlichen Frauen, uns, gegenüberstellt. Damit werden alle Formen einer normalen Schwangerschaft diskreditiert, also als minderwertig, als von Sünde befleckt verleumdet. Die Gegenüberstellung von reiner Jungfrau und sündhafter Sexualität bzw. Empfängnis sei überhaupt nie und nimmer biblisch und auch nicht christlich.

So eine kleine Geschichte und solch unterschiedliche Reaktionen, die sie hervorgerufen hat und immer noch hervorruft. Wie können wir uns diesen Zeilen aus dem Lukas Evangelium nähern? Was wollte Lukas mit seiner Geschichte erreichen?

Nun, letzte Frage lässt sich ziemlich klar beantworten. Lukas wollte in der Tat mit seiner Erzählung den griechisch römischen Lesern und Hörern vor 2000 Jahren darstellen, dass Jesus wirklich von göttlicher Natur ist. Wir sind keine griechisch römischen Leser und Hörer mehr und haben mit dieser Absicht des Lukas unsere begründeten und vernünftigen Schwierigkeiten.

Die Geschichte von der Ankündigung der Geburt Jesu, hat aber Wendungen, die mir durchaus zusagen und eine tiefere Bedeutung haben. Zunächst taucht bei mir die Frage auf: "Zu wem kommt Gott da eigentlich?"

Er kommt zu einer sehr jungen Frau, so im Alter unserer Konfirmandinnen. Gott kommt in ein völlig unbedeutendes Dorf, irgendwo auf der Welt. Gott kommt in irgendein Haus, irgendwo. Gott kommt irgendwann, zu jeder Zeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Wir geraten immer wieder in solche Momente, in denen Gott sich in unser Leben drängt. Oft erkennen wir sie erst im Nachhinein. Es sind Momente, in denen schwerwiegende Entscheidungen fallen. Wir wissen nicht, nicht immer, warum wir das gesagt oder das getan haben. Wir wissen nur, dass es z.B. entscheidende Worte waren, die unser Leben ab dann für immer bestimmten.

Vielleicht sind es bei ihnen die Worte: "Ich liebe dich!" gewesen. Es können aber auch ganz andere einfache Worte sein, manchmal nur ein Wort: "Nein!" oder das Gegenteil: "Ja!" Solche Worte können zu Schnittstellen in unserem Leben werden, sie können für uns alles ändern. Solche Schnittstellen in unserem Leben sind die Linien, in denen sich Welt und Gott ganz nahe kommen, ja manchmal miteinander verschmelzen.

In der Geschichte von Lukas läuft durch das Leben von Maria so eine Schnittstelle. Sie wird als Begnadete bezeichnet, d. h. sie wird auserwählt. Sie wird auserwählt von Gott, einem Menschen das Leben zu schenken, der ihr Schicksal als Mutter für immer prägen wird. Sie, die Tochter Gottes, wird einen Sohn, einen wahren Sohn Gottes ins Licht des Daseins bringen.

Maria spricht die entscheidenden Worte: "Ja, so soll es sein!" Was macht Maria da? Ist das wirklich die Unterwerfung eines kleinen jungen Mädchens unter einen übermächtigen patriarchalischen Willen? Ist es wirklich dumm, an Schnittstellen in unserem Leben, in Zeiten in denen wir uns entschieden haben "ja" oder "nein" zu sagen; ist es in diesen Zeiten dumm, hinter unsere Entscheidung hinzuzufügen: "Und jetzt geschehe Herr, Gott, dein Wille." Ist es dumm, die Bitte des Vaterunsers hinter all unser Sagen und Tun zu stellen: "Dein Wille geschehe!"?

Maria erkennt, dass sie Teil eines Großen und Ganzen ist. Maria erkennt, dass eine Wahl getroffen wurde, gegen die sich nicht stemmen kann. Sie hat sicherlich Angst gehabt, die junge Frau. Welche Frau hat nicht Angst, die ihr erstes Kind gebiert. Maria konnte nicht ahnen, was da alles im Detail, in allen Einzelheiten auf sie zukommen würde. Sie wusste nur: Diese Schnittstelle wird mein Leben total verändern. Und sie hat ja gesagt zu dieser Veränderung. Sie hat ihr Schicksal akzeptiert, ohne Wenn und Aber.

Dieses: "Dein Wille geschehe" wird ihr an vielen Punkten helfen. Bei der Geburt des kleinen Jesu im Stall, bei der Flucht nach Ägypten, bei der Bedrohung durch die Schergen des König Herodes, bei der Suche des kleinen verlorengegangen Jesu im Tempel, bei dem Schmerz, dass der Sohn sich von ihr los sagt, um sein Leben ganz den anderen zu widmen, bei seinem Tod am Kreuz natürlich und bei der unglaublichen Zeit danach.

In dieser Zeit danach aber war sie schon längst keine junge Mutter mehr, sondern schon zu einer sehr weisen, erfahrenen Frau geworden, einer Frau, die unseren uneingeschränkten Respekt verdient und die wir ebenso uneingeschränkt als die Mutter des Jesus von Nazareth, des Sohnes Gottes, verehren dürfen.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen.

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