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Das Heilige Abendmahl

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unseren Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

wir hören den Predigttext für den Gründonnerstag des Jahres 2010. Er steht im 1. Korintherbrief 11, 23 - 26:

Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.

Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Wir haben es schon öfter gehört: Paulus hatte mit dieser Gemeinde in Korinth Schwierigkeiten. Es gab verschiedene Richtungen, die ausführlich miteinander stritten. Das war aber keine besondere Gegebenheit, ein besonderer Charakter der korinthischen Gemeinde, denn das Problem lag in der Natur der Sache. Es war ausdrücklicher Wunsch aller christlichen Gemeinden, die gesamte christliche Kirche für jeden Menschen offen sein zu lassen, nicht nur für Juden, sondern auch für Heiden, nicht nur für eine Nationalität sondern für viele, nicht nur für eine Kultur sondern für viele. Man wollte die Menschen aus verschiedensten sozialen Stellungen, aus beiderlei Geschlechtern und aus den unterschiedlichsten Rassen zusammenführen. Alle sollten Platz haben in der Gemeinde und natürlich am Tisch des Herrn.

Darin liegt ja bis auf den heutigen Tag der ungeheure Reichtum der christlichen Religion. Wir haben trotz aller Verschiedenheit eine gemeinsame Mitte, das ist die Person Jesus Christus. Aber diese Verschiedenheiten führten in Korinth damals zu dem, zu dem sie bis auf den heutigen Tag immer wieder führen: zu Zwietracht und Streit! Ausgerechnet das Abendmahl, das zentrale Ereignis der christlichen Religion, verursacht in Korinth Probleme. Anstelle zu mehr Gemeinschaft zu führen, wurden die Unterschiede bloß gelegt. Die einen aßen ihr Mitgebrachtes, die anderen hatten nichts, und bekamen höchstens die Reste. Es gab kein wirkliches Gemeinschaftsmahl.

Da die Gemeinde die Unterschiede von Armen und Reichen nicht aus der Welt schaffen konnte, musste sie einen Umgang damit finden, der zumindest im Raum der Kirche, der Gemeinde, zu Gleichbehandlung und Gerechtigkeit führte. Die Lösung, die Paulus anbietet, ist: Er trennt das Abendessen von der liturgisch-religiösen Feier. Wenigstens in der religiösen Feier soll der Gedanke der Gemeinschaft aller mit allen Wirklichkeit werden, wenn dies in der normalen Essensgemeinschaft nicht möglich ist.

Paulus zentriert die kleine liturgisch-religiöse Feier ganz auf Jesus. Die Gemeinschaft mit ihm steht zunächst im Mittelpunkt. Aus dieser Gemeinschaft mit Jesus Christus erwächst die Gemeinschaft der Menschen untereinander. In der Gemeinschaft mit Jesus Christus können die Menschen in all ihren Verschiedenheiten an einen Tisch kommen, das Brot des Lebens und den Kelch des Heils miteinander teilen. Jeder ist ein geliebtes Kind Gottes, des himmlischen Vaters, und hat als Bruder oder Schwester Jesu einen Platz am Tisch des himmlischen Reiches.

Das Zusammenkommen der Menschen mit unterschiedlichster Voraussetzung und Herkunft ist keine Erfindung des Apostels Paulus. Es geht direkt auf Jesus zurück. Jesus hat die jüdischen Mahlzeiten nicht nur mit seinen Jüngern, sondern auch mit Zöllnern und anderen Sündern gehalten. Und Jesus hat laut verkündet: Mit diesem Handeln, mit dieser Zusammenkunft der Großen und Kleinen, der Reichen und Armen, der Starken und Schwachen, die sich um mich versammeln ist es da, das Reich Gottes, das Reich des Messias, Gottes neuer Himmel und neue Erde. Jede dieser Mahlzeiten ist schon ein Zeichen der Gegenwart des himmlischen Vaters. Wo Jesus die Menschen um sich sammelt, die um seiner Verkündigung willen und seiner heilenden Taten zu ihm kommen, ist die Gegenwart des Reiches Gottes da. Jesus spricht: "Das ist mein Leib für euch." Mehr steht im griechischen Urtext nicht. Jesus bricht das Brot und verteilt es. Jeder Mensch, der an ihn glaubt, bekommt damit Anteil an ihm selbst, an seinem Leib. Das Teilen des Brotes ist ein Zeichen der Verbindung untereinander. Ich bin Jesus Christus, sagt Jesus von Nazareth, ich bin der, der aus dem Geist Gottes lebt und der anderen davon weitergibt. Jesus teilt sich mit, er lebt für andere, opfert sich in letzter Konsequenz und stirbt damit nicht anders, als er gelebt hat.

Jesus hebt den Kelch hoch und sagt: "Der neue Bund in meinem Blut." Das Wort Blut ist eine sprachliche Falle, weil hier jeder sofort an das vergossene Blut der Gewalt denkt. Im jüdischen Denken ist vom alten Testament her allerdings das Blut der Sitz des Lebens. Das Blut ist heilig, weil Gottes Lebensgeist im Blut ist. Der Spruch "der neue Bund in meinem Blut" heißt also - wenn man zurückübersetzt - "der neue Bund in meinem Leben". Wer an mich glaubt, der hat einen ewigen Bund mit Gott, der Kraft des Lebens. Wenn wir das Abendmahl feiern, steht so der Gedanke der Gemeinschaft im Mittelpunkt. Es ist der Gedanke der Gemeinschaft mit Jesus Christus, unserem Herrn, der sich in der Gemeinschaft der Menschen untereinander lebendig und gegenwärtig darstellt.

Jesus sagt: Solches tut zu meinem Gedächtnis. Er meint damit aber nicht das Gedächtnis an einen Verstorbenen, der für immer und ewig diese Welt verlassen hat. Jesus Christus meint in seinen Einsetzungsworten das Gedächtnis an einen Menschen, dessen Geist quicklebendig unter uns ist. Gerade wenn wir das Brot des Lebens zu uns nehmen und den Kelch des Heils empfangen, sind wir uns seiner Gegenwart bewusst. Die Gemeinschaft mit ihm reißt nicht ab, sie wird im Gegenteil immer wieder erneuert, wenn wir die Einsetzungsworte sprechen, wenn wir unseren großen Kreis um den Altar bilden, wenn wir Brot, Wein oder Traubensaft teilen und den Segen empfangen. Jesus Christus ist ein Ereignis, er ist ein Prozess, er ist Leben.

Es ist dem Apostel Paulus gelungen, den zentralen gottesdienstlichen Ritus der christlichen Religion vor der Zerstörung durch Streit und Zwietracht zu retten. Es ist und bleibt deshalb eine Anfrage an die christlichen Konfessionen, warum ausgerechnet der Ritus von Brot und Wein, im Zentrum der kirchlichen Auseinandersetzungen, Ausschließung und Trennung steht. Von außen besehen ist es doch ein Witz: Paulus rettet die Gemeinschaft im ersten Korinther Brief mit seiner Form des Abendmahls und wir spalten und splittern auf. Paulus betont die Gegenwart Christi und bei uns behaupten die einen, die Gegenwart Christi sei so und die anderen halten dagegen: Nein, sie ist anders! Nur eines scheint klar zu sein: Die Christenheit leidet unter der Trennung und fühlt sehr wohl, dass da etwas nicht in Ordnung ist.

Wir aber wollen klar zu dem stehen, für was der Apostel Paulus eingetreten ist: Wenn wir anschließend das Abendmahl feiern, dann gruppieren wir uns ganz fest um Jesus Christus, unseren Herrn. Das Brot wird das Zeichen sein für unsere Verbindung mit ihm für seine Verbindung mit uns. In Jesus Christus haben wir Gemeinschaft untereinander in all unseren Verschiedenheiten. Im Kelch des Heils werden Jesus Christus, seine Worte und Taten unter uns lebendig und er schenkt uns sein Leben, seine Kraft, seinen Trost und all seine Liebe. Eine Liebe, die uns in unserem alltäglichen Leben nicht verlassen wird und die wir anderen Menschen weitergeben. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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